Im Frühling auf der Terrasse in einem südlichen Land

– so und nicht anders erlebt –

Ich sitze auf der Terrasse des kleinen Restaurants, direkt am Meer. Das sanfte Branden der Wellen klingt zu mir herüber. Ich schaue dem Wogen der Wellen zu. Jetzt möchte ich auf ihnen liegen, mich wiegen lassen, wie einst auf dem Arm der Mutter.

Die Terrasse ist gut besucht, fast alle Plätze sind besetzt. Reden und Lachen. Die Freude über diesen wunderschönen Sonnentag am Meer ist allgegenwärtig. Kaffeetassen klappern, der Roséwein schimmert im Glas. Eine wilde Katze schleicht um die Tische, in der Hoffnung, etwas Essbares zu erhaschen. Auch die Spatzen teilen diesen Wunsch, sie hüpfen auf der schmalen Absperrung zum Meer hin und her, direkt neben den Tischen, aufmerksam, bereit loszufliegen, um die Krumen zu sammeln. Die Katze interessiert sich nicht für sie.

Am Nebentisch zwei Frauen und zwei Männer. Ihrem lauten Gespräch kann ich mich nicht entziehen.
Sie sprechen in meiner Muttersprache. Wie ich erfahre, haben Sie ihr Domizil auf dem angrenzenden Campingplatz aufgeschlagen, zu dem diese Bar gehört.

„Stell dir vor“, sagt die eine Frau, „die Susi hat fünf Hunde. Du weißt schon: die, deren Wohnwagen an der Ecke steht.“
„Die hat sogar sieben Hunde“, entgegnet die andere.
„Aber keinen Mann“, trumpft einer der Männer auf.
„Den kann sie sich nicht mehr leisten“, sagt triumphierend eine der Frauen. Die andere gluckst vor Lachen. Vereintes Gebrummel der Männer.
Ich grinse. In meinem Roséweinglas spiegeln sich ihre Silhouetten.

Plötzlich erhebt der Mann, der an der Absperrung zum Meer sitzt, erregt seine Stimme: „Jetzt sitze ich schon eine Stunde hier und kein Essen kommt.“
Ich schaue hinüber. Er sitzt aufrecht, schaut böse in die Runde.
„Aber wir haben doch Zeit. Wir haben Urlaub“, beschwichtigt der andere Mann. Die Frauen sind verstummt.
„Das ist vertane Zeit! Ich war mein ganzes Leben lang Dienstleister. Hätte ich mir so etwas erlaubt, hätte ich die Kündigung von der Personalabteilung bekommen.“ Schweigen der anderen. „Ich war immer pünktlich!!“

Aha. So war er also. Ich schaue zu ihm hinüber, er sitzt in meiner Blickrichtung. Ich kann mich seines Anblicks nicht entziehen, wenn ich geradeaus schaue. Seine Augen schauen grimmig, er fuchtelt böse mit beiden Armen.
„Ich habe Hunger! Und wenn ich Hunger habe, werde ich grantig. Das Essen muss immer pünktlich auf dem Tisch stehen“, poltert er weiter. Eine der Frauen schaut betreten nach unten, die andere schaut fragend zu ihr herüber.
Der andere Mann wendet ein: „Ihr habt doch ein Küchenzelt …“
Ein vernichtender Blick straft ihn: „Wir haben sogar zwei Zelte!“ Dass die ihm zugewiesene Parkbox dreißig Zentimeter zu kurz für sein rollendes Heim ist, hatte er bereits vorher stolz in das Gespräch einfließen lassen.

Die Stimme des Mannes wird lauter: „Da wäre ich besser im Wohnmobil geblieben und hätte mir eine Pizza bestellt. Aber die Pizza von gestern war auch ein Fraß.“
Ein Gourmet, denke ich belustigt.
Viele Gäste von den Nebentischen schauen zu ihm hinüber.
„Pünktlichkeit ist mein oberstes Gebot!“, wütet er weiter. „Ich bin Deutscher! Deutsche sind pünktlich!
Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein.“
„Ich auch.“
Leiser stimmt sein Gegenüber ihm zu.
Er hebt sein Bierglas: „Auf Deutschland!“
Man hat seine gemeinsame Ebene wiedergefunden.

Der Kellner tritt mit den Speisekarten an den Tisch. Sie hatten noch gar nichts bestellt. Nun entspannen sich die Gesichtszüge des Mannes. Die kleine Personengruppe vertieft sich in die mögliche Speisenauswahl.

Nun ist wieder Ruhe auf der Terrasse eingekehrt. Das sanfte Murmeln der Wellen ist wieder hörbar.

In diesem Moment bin ich nicht stolz, eine Deutsche zu sein.


© Annette Gonserowski